Leseprobe »Nordgard« 

Willkommen! Hier findest du zwei Leseproben aus »Vanas Erbe - Nordgard«. Die Erste sind die ersten Seiten der Geschichte, die Zweite ist aus dem letzten Drittel des Buchs. Bei der zweiten Leseprobe könnte es zu Spoilern kommen, aber sie fängt den düsteren Ton, der in der zweiten Hälfte des Buchs dominiert besser ein.

Ankunft in Nordgard

Die Sonne schien durch die Bäume und erhellte den Wald mit ihrem Licht. Es war Sommer, selbst hier im Vorgebirge. In den Baumkronen sangen Vögel und im Unterholz an den Rändern des Hohlwegs raschelte es.
Nirvy saß auf dem Wagen, lenkte das Maultier und lauschte verträumt auf die Geräusche ringsum. Die Hufe der Pferde auf der Straße, die Räder des Wagens und die Vögel. Und der Wind. Obwohl er heute nur leicht wehte, schien er ihr Botschaften zuzuflüstern, wenn er über ihre Haut strich.
»Bist du aufgeregt?«
Die Stimme ihres Vaters riss Nirvy aus ihren Tagträumen. Sie drehte den Kopf und sah zu ihm hoch. Auf seinem Kriegspferd gab Avaron eine eindrucksvolle Erscheinung ab. Er war hochgewachsen und sowohl schlank als auch muskulös. Jetzt musterte er sie mit seinen blauen Augen, die in seinem ernsten Gesicht standen.
»Wie kommst du darauf?«, fragte Nirvy, die in der Tat aufgeregt war.
»Deine Beine«, antwortete Avaron knapp. »Bis eben haben sie sich unablässig bewegt.«
Nirvy kicherte ertappt. »Ich habe es nicht einmal bemerkt. Ja, ich bin aufgeregt«, fuhr sie nach einer Pause fort. »Nicht mehr lange und du bist fort.«
Avaron lächelte. »Ich glaube, wenn du erst dort bist, wirst du mich schnell nicht mehr vermissen. Vergiss nicht; in Nordgard wirst du viele neue Leute kennenlernen, die meisten davon in deinem Alter. Es wäre ein Wunder, wenn dich überhaupt niemand mögen würde.«
Nirvy nickte, wandte den Blick jedoch ab und betrachtete wieder den Weg vor dem Wagen. Auf eine der berühmtesten Meisterschulen des Nordens gehen zu können, war etwas Besonderes, doch Nirvy hatte Angst. Zum ersten Mal in ihrem Leben wäre sie für lange Zeit von ihrem Vater getrennt und fernab von ihrem Heimatdorf. Eine ganz neue Welt, von der sie nun weniger als eine Wegstunde entfernt war.
Doch Avaron überließ sie nicht ihren Gedanken. »Keine Sorge, Nirvy. Hunderte Schüler sind bereits erfolgreich in Nordgard ausgebildet worden und daran gewachsen. Auch viele Schüler, denen du um Längen voraus bist. Als ich nach Nordgard gekommen bin, war ich jedenfalls noch ein blutiger Anfänger. Sobald du dich dort eingewöhnt hast, wirst du dich bestimmt wohlfühlen – wahrscheinlich sogar wohler als zu Hause. Denn du wirst von Menschen umgeben sein, die dir ähnlich sind.«
Nirvy lächelte ihm zu. Bereits seit Wochen versuchte ihr Vater, ihr gut zuzureden. Sie selbst hatte ihre anfängliche ablehnende Haltung abgelegt, doch die Aufregung war geblieben.
»Es ist schon alles in Ordnung«, sagte sie. »Ich bin bloß aufgeregt. Und das ist wohl jeder, oder?«
»Das bestimmt«, meinte Avaron. »Ich auch. Mein Mädchen verlässt das Haus, um erwachsen zu werden. Welcher Vater wäre da nicht aufgeregt? Aber ich bin auch ziemlich stolz auf dich. Und ein bisschen auch auf mich. Ich denke, ich habe was Gutes aus dir gemacht.«
Über seine Worte freute sie sich sehr. So liebevoll, wie Avaron war, ging er dennoch mit Lob sparsam um.
Sie lehnte sich wieder ein wenig zurück und betrachtete gedankenverloren ihren flachen Bauch. Unter ihrer bronzenen Haut zeichneten sich sacht ihre Muskeln ab, die sie durch das regelmäßige Üben im Rahmen ihrer häuslichen Ausbildung erhalten hatte. Als ihr Vater vor fast zwei Jahren ihrer Ausbildung zur Kriegsmeisterin zugestimmt hatte, war für Nirvy ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen.
Doch nun war dieser Abschnitt vorüber. Die Lage an der Grenze verschlechterte sich zusehends. Deshalb hatte die Fürstin von Vesthris Avaron nach Vátnfall gerufen, der mächtigen Grenzfestung des Nordens, die die Landbrücke zum Festland bewachte.
Für Nirvy bedeutete das, dass ihr Vater ihre Ausbildung nur weiterführen konnte, wenn sie ihn nach Vátnfall begleitete. Doch das hatte Avaron strikt abgelehnt.
»Kinder – und du bist immer noch ein Kind – gehören nicht in den Krieg«, hatte er gesagt. »Sie verlieren dort ihre Seele, bevor sie überhaupt ausgewachsen ist.«
Und so war die Entscheidung gefallen, Nirvy auf eine der vielen Meisterschulen des Nordens zu schicken – nach Nordgard. Diese Schule bildete Meister fast aller Art aus und hatte eine ausgezeichnete Reputation.
Nun war der letzte Abschnitt ihrer zweiwöchigen Reise gekommen. Die Zeit des Abschieds von ihrem Vater, der sie bisher durch alle Lebenslagen begleitet hatte, rückte immer näher.
»Hörst du das Wasser?«, fragte Avaron. »Das ist der Hvitdrift. Er entwässert den See, an dem Nordgard liegt, und fließt von hier aus bis nach Vátnfall. Wenn der Weg auf das Ufer trifft, sind wir angekommen.«
Nirvy nickte und blickte in den Wald. Hinter den Bäumen konnte man den Gebirgsfluss noch nicht sehen, doch man hörte das rasch fließende Wasser. Noch viel stärker als der Wind übte das Wasser eine starke Faszination auf Nirvy aus, was sie dem Umstand verdankte, dass sie vom Volk der Inari abstammte. Diese nahmen die Natur auf eine ganz andere Weise wahr als die restlichen Völker. Manchmal meinte Nirvy, im Wind oder im Plätschern des Wassers Worte vernehmen zu können. Doch so sehr sie auch lauschte, konnte sie nie auch nur eines deutlich verstehen. Manchmal, wenn sie hinhörte, konnte sie gänzlich die Zeit vergessen, denn die Stimmen der Vanahír, der mächtigen Geister der Welt, verstummten niemals.
Die Straße führte nun hangabwärts, tiefer hinunter in das Tal des Hvitdrift. Die Bäume standen hier lichter und Nirvy erhaschte einen ersten Blick auf das Wasser. Fast sechs Schritte war der Hvitdrift hier breit. Das Wasser floss rasch über das steinige Bett und bildete hier und dort Wirbel.
Nirvy sprang vom Wagen, als sie das Wasser erreichten. Angenehm floss es um ihre Füße und Schenkel, nachdem sie ein Stück in die Furt hineingelaufen war. Sie beugte sich hinunter und trank, dann wandte sie sich wieder um. Ihr Vater beobachtete sie still. Sein Gesichtsausdruck war ungewöhnlich ernst, ja fast traurig.
»Was ist?«, fragte Nirvy.
Avaron schüttelte den Kopf und sein Gesicht hellte sich wieder auf.
»Nichts«, meinte er. »Los, komm! Lass uns das letzte Stück noch hinter uns bringen.«
Mit diesen Worten trieb er sein Pferd an und ließ es durch die Furt waten. Nirvy zog sich wieder auf den Wagen hoch und folgte ihm vorsichtig. Der Weg stieg jetzt wieder an, doch bald wandte er sich nach links und führte am Ufer entlang. Die Bäume wurden immer lichter und schließlich führte die Straße aus dem Wald heraus.
Vor ihnen, eingebettet in ein weites Tal, erstreckte sich ein großer See mit klarem Wasser. Und direkt voraus, auf einer Klippe über dem See, erhob sich eine Burg. Eine befestigte Garnison, die einst einer Hundertschaft Soldaten als geschützte Unterkunft gedient hatte. Von dort aus hatten sie das Umland gesichert, als ihr Heimatland Vesthris und das Nachbarland Valheim vom Nordkönigreich bedroht worden waren. Direkt an der Klippe hatte man einen breiten Turm errichtet. Eine rechteckige Umfassungsmauer ging davon aus und umschloss ein Gelände von etwa sechzig auf fünfzig Schritt. Über allem ragte ein hoher schmaler Wachturm auf.
»Nordgard«, sagte Avaron. »Seit über fünfzehn Jahren war ich nicht mehr hier. Es sieht immer noch so aus wie in meiner Erinnerung.«
Das letzte Stück des Weges legten sie schnell zurück. Die Straße verlief vom Waldrand aus geradewegs zum Fuß der Klippe und stieg dann an. Nun wurden weitere Gebäude sichtbar, die vor den Toren der Festung erbaut waren. Und auch erste Anzeichen von Leben zeigten sich. Irgendwo zwischen den Hütten bellte ein Hund, Pferde wieherten und Menschen liefen herum. Nirvys Herz schlug vor Aufregung schneller. Sie waren angekommen. Sie war in Nordgard.
Als sie die ersten Hütten passierten, wurden sie plötzlich gerufen.
»Avaron!« Winkend näherte sich ein großer, schlaksiger Mann, der ein Kriegspferd am Zügel führte.
Ihr Vater lachte auf. »Tirados! Schön, dich zu sehen!«
Er sprang aus dem Sattel, um Tirados zu empfangen.
»Ich habe mich gefragt, ob du selbst kommen würdest, als ich erfahren habe, dass deine Tochter nun hier als Schülerin aufgenommen wird«, sagte Tirados und lächelte Nirvy an. »Sei gegrüßt, Nirvy. Ich bin Tirados.«
»Meine Grüße«, sagte Nirvy und erhob sich. Obwohl Tirados und ihr Vater im gleichen Alter sein mussten, schien es, als ob die Zeit an Tirados schneller vorbeigegangen sei. Im Gesicht trug er einen kurzen, aber vollen Bart mit grauen Strähnen zwischen dem Braun. Seine Augen waren wachsam, aber eingerahmt von Lachfältchen, die ihm ein freundliches Aussehen gaben.
»Ich bin Lehrer hier in Nordgard«, sagte Tirados. »Da du den Kriegerlehrgang besuchst, wirst du mich in Zukunft wohl oft sehen. Mein Lehrauftrag ist die Gruppentaktik, aber ich unterstütze meine beiden Kollegen auch bei den Kampftechniken.«
Nirvy nickte nervös. Sie wusste nichts zu erwidern. Doch Tirados schien das auch nicht zu erwarten.
»Einst waren Tirados und ich gemeinsam Schüler auf Nordgard«, erklärte Avaron. »Und später dienten wir zusammen im Heer. Ich verließ schließlich die Truppe und Tirados schied vier Jahre später auch aus.«
»Knie verdreht«, sagte Tirados und rümpfte verächtlich die Nase. »Und du, Nirvy? Erinnerst du dich an mich?«
Avaron lachte. »Natürlich nicht. Sie war damals erst zwei Jahre alt.«
Nirvy wurde heiß. Wäre ihre Haut nicht so dunkel gewesen, wäre sie sicherlich errötet. Dass ein jetziger Lehrer sie bereits im Kleinkindalter getroffen hatte, war ihr peinlich.
»Nun, es ist schon lange her«, sagte Tirados. »Und das Heute ist so oder so wichtiger. Nichts für ungut, aber ich muss weiter. Ich bin in den Stallungen.« Er nickte zu einem großen hölzernen Gebäude hinüber. »Vielleicht hast du später noch Zeit, mich dort zu treffen?«
»Bestimmt«, sagte Avaron. »Das Zugtier muss untergebracht werden. Ich werde bald ebenfalls dort sein.«
Tirados wandte sich ab und ging seiner Wege.
»Komm, Nirvy«, sagte Avaron. »Lass uns hineingehen.«
Er ging voran und Nirvy folgte ihm. Das Geschehen kam ihr unwirklich vor. So als ob ihr Vater sich jeden Moment umdrehen könnte, um zu verkünden, dass sie sich geirrt hatten und dass es noch nicht an der Zeit war, Abschied zu nehmen.
Doch er drehte sich nicht um. Er verschmolz mit den Schatten unter dem Torbogen. Kurz darauf lenkte auch Nirvy das Gespann hinein. Das Torgewölbe war niedriger, als Nirvy es erwartet hatte. Große Wagen konnten hier nicht voll beladen hindurchfahren und ein Reiter musste seinen Kopf einziehen.
Der Torbogen öffnete sich in einen Burghof. Ringsherum, an die Mauern angelehnt, standen viele Gebäude, von denen Nirvy nur die Schmiede auf Anhieb identifizieren konnte. Von hier aus war zu sehen, dass der Bergfried nicht separat stand, sondern in ein großes Hauptgebäude eingebettet war, das sogar die Ringmauer in der Höhe überragte.
Auf dem Burghof war nicht viel los. Nur von der Schmiede erklangen Geräusche und zwei Frauen überquerten gemeinsam den offenen Bereich. Im Schatten eines kleinen Gebäudes in der Mitte der Umfassung saß jedoch ein alter Mann. Als er sie bemerkte, winkte er und erhob sich von seinem Sitz. Avaron machte die Zügel seines Pferdes am Wagen fest und bedeutete Nirvy, abzusteigen.
Sie sprang vom Wagen und folgte rasch ihrem Vater, der bereits auf den Alten zuging. Der Mann war bestimmt über sechzig Jahre alt und vermutlich schon in seinen jungen Jahren nicht besonders groß gewesen. Weiße Haare fielen ihm bis auf die Schultern und umrahmten ein freundliches Gesicht. Er trug ein langes schwarzes Gewand, das sehr schlicht geschnitten und unverziert war. Eine Waffe trug er nicht.
»Seid gegrüßt und willkommen in Nordgard«, sagte der Fremde. »Mein Name ist Hervar. Ich bin der Leiter dieser Schule.«
»Sei gegrüßt, Hervar«, sagte Avaron. »Erlaube mir, dir meine Tochter vorzustellen. Dies ist Nirvy. Sie wird hier die Kriegerschule besuchen.«
»Ich grüße dich«, sagte Nirvy leise und deutete eine leichte Verbeugung an.
Hervar lächelte. »Ah!«, sagte er. »Nirvy. Nordgard fühlt sich geehrt, dass endlich eine Inara den Weg in unsere Hallen findet.«
Eine kurze Pause entstand. Weder Nirvy noch Avaron ergriffen das Wort, sodass Hervar weitersprach.
»Ihr seid die Ersten, die Nordgard heute erreichen. Wir erwarten in Kürze den Gemeinschaftszug aus Vátnfall. Wolltet ihr euch ihm nicht anschließen?«
»Nein«, sagte Avaron. »Wir sind nicht über Vátnfall gereist und ich wollte Nirvy persönlich hierherbringen. Viele alte Erinnerungen werden wach, wenn ich diese Mauern sehe, und diese wollte ich mir nicht entgehen lassen.«
Etwas schwang in der Stimme ihres Vaters mit, das Nirvy nicht deuten konnte. Doch Hervar kannte Avaron nicht und schien es überhaupt nicht zu bemerken.
»Nun gut«, sagte er. »Nirvy sollte hier draußen bleiben und ihre Sachen abladen. Bald sollten auch die Wagen aus Vátnfall kommen. Dann werden wir die neuen Schüler herumführen. In den Briefen hast du geschrieben, dass der Wagen hierbleiben wird. Ist das noch aktuell?«
»So ist es«, sagte Avaron. »Das Zugtier ebenfalls. Ich werde es später persönlich zu den Stallungen bringen.«
Hervar deutete eine Verbeugung an und trat einen Schritt zurück.
»Gut, Nirvy«, sagte Avaron. »Deine Sachen kannst du hier abstellen.«
Er nahm die Kiste entgegen, die Nirvy ihm anreichte. Nirvy stellte ihren Beutel daneben.
»Und jetzt«, sagte er mit einem schiefen Lächeln, »ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen.«
Nirvys Herz machte einen Satz, obwohl sie seit vielen Wochen wusste, dass dieser Moment kommen würde.
»Kopf hoch, meine Kleine«, sagte Avaron leise und hob sie in seine kräftige Umarmung. »Vielleicht sehen wir uns eher wieder, als du denkst.«
Nirvy unterdrückte ihre Tränen und genoss diesen vorerst letzten Kontakt. »Pass gut auf dich auf«, bat sie.
»Das werde ich«, versprach Avaron und küsste ihre Stirn. Dann setzte er sie sanft ab. »Bis bald.«
Er schwang sich in den Sattel des Pferdes und griff die Zügel des Maultiers . Dann setzte er sich in Bewegung und ritt zum Tor. Noch ein letztes Mal winkte er ihr zu, bevor er das Tor erreichte. Er musste tatsächlich den Kopf beugen, um durch den niedrigen Bogen zu reiten. Dann war er fort und Nirvy starrte auf das verlassene Tor, durch das er verschwunden war.
»Seit wann wurdest du von deinem Vater ausgebildet?«, fragte Hervar.
»Seit meinem elften Lebensjahr«, antwortete Nirvy. »Also seit zwei Jahren.«
»Hast du bereits Waffen erhalten?«, fragte er weiter.
»Nein«, sagte sie. »Ich wachse noch. Hoffentlich.«
Hervar lachte kurz auf. »Na, das will ich doch meinen. Mit welchen Waffen hast du bisher geübt?«
»Schwert, Axt, Schild und Speer«, antwortete Nirvy, was Hervar mit einem Nicken quittierte. »Bist du ein Krieger?«, fragte sie dann.
Der Schulleiter lächelte. »Nein, das bin ich nicht. Die Kunst des Tötens ist nicht mein Gebiet. Ich möchte lieber erschaffen. Ich unterrichte hier Kunsthandwerk.«
Er lachte erneut, als er Nirvys überraschten Blick bemerkte. »Ich kann deine Verwunderung verstehen. Viele messen dem Schatten des Krieges große Bedeutung zu und vergessen dabei, dass Nordgard auch für seine gute Künstlerschule bekannt ist. Zwar werden hier weit weniger Künstler ausgebildet als Krieger, doch in diesem Jahr werden es immerhin siebzehn sein. Und als Schülerin stehen dir alle Fächer offen, die wir anbieten. Solltest du also das Bedürfnis verspüren, etwas über die Kunst zu erfahren, die du mit deinen Händen erschaffen kannst, so will ich dich gern in meinem Unterricht begrüßen.«
Nirvy verbeugte sich respektvoll, sagte jedoch nichts.
»Nun«, sagte Hervar. »Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird, bis der Rest der Schüler hier eintreffen wird. Ich möchte dich dennoch bitten, solange zu warten.«
»Lang kann es nicht mehr dauern«, sagte Nirvy, die froh war, endlich etwas Nützliches beisteuern zu können. »Noch vor zwei Tagen war der Wagenzug in unserer Hörweite. Wir sind schneller vorangekommen, aber ich denke nicht, dass sie weiter als eine Wegstunde zurückgefallen sind.«
»Tatsächlich?«, sagte Hervar. »Nun, das ist gut. Dann wird es sicher nicht mehr lang dauern.«
Er ließ sich wieder auf seinem Sitz im Schatten nieder. Nirvy entfernte sich ein Stück und setzte sich abseits des Schattens auf dem Boden. Hier war das Gebäude nicht im Weg und sie konnte sich in Ruhe umsehen.
Sie roch das Feuer und hörte die Geräusche der nahen Schmiede und verspürte sofort ein angenehmes, vertrautes Gefühl. Ihr Vater war zwar ein Krieger gewesen, doch er hatte die Armee verlassen und seitdem als Werkzeugschmied gearbeitet. Sehr oft hatte sie ihm bei der Arbeit geholfen, auch wenn es nur einfache Aufgaben gewesen waren. Jetzt verspürte sie den Wunsch, hinüberzugehen, um zu sehen, woran gearbeitet wurde. Doch sie hielt sich zurück. Sie hatte immerhin noch fast ein Jahr Zeit, sich die Schmiede anzusehen. Dennoch fühlte sie sich gleich ein wenig wohler. Nicht nur Schüler und Lehrer waren hier, sondern auch andere Leute, die hier ihrer Arbeit nachgingen. Die Garnison war nicht so groß wie ihr Heimatdorf und ähnelte einem Gutshof.
Ein Geräusch ließ sie aufmerken. Ein Fuhrwerk wurde gerade durch das Tor gelenkt. Kurz darauf kam ein weiteres. Bald war klar, dass es der Zug aus Vátnfall sein musste. Nachdem der zehnte Wagen auf den Hof gefahren war, war es auf der freien Fläche deutlich enger und belebter. Nicht nur die neuen Schüler waren mit dem Zug gekommen, sondern auch von der Schule benötigte Warenlieferungen.
Nirvy hielt sich im Hintergrund, um nicht im Weg zu sein, und betrachtete die vielen Menschen. Einige waren noch sehr jung, manche jünger als Nirvy, andere in ihrem Alter. Es gab auch neue Schüler, die älter waren als Nirvy. Die Älteren wirkten selbstsicherer und wurden häufig von den Jüngeren verfolgt. Vermutlich dachten sie, dass sie sich allein durch ihr Alter besser auf Nordgard auskennen würden.
Schließlich kam das Geschehen allmählich zur Ruhe. Die Kisten und Säcke der Schüler waren abgeladen und standen neben Nirvys eigenen Habseligkeiten. Die Schüler versammelten sich nach und nach um Hervar. Nirvy erntete erste neugierige Blicke, denn sie war den Schülern, die zusammen gereist waren, unbekannt. Vorerst sprach niemand sie an.
Wie zuvor Nirvy begrüßte Hervar nun jeden der neuen Schüler persönlich, danach wandte er sich an alle.
»Kommt! Wir werden uns nun das Gelände und die Gebäude ansehen. Folgt mir bitte!«
Er führte sie durch das Festungstor nach draußen, auf den Platz vor der Befestigung. Hier waren die Stallungen angesiedelt sowie die Gebäude, die dem Dienstpersonal und Leuten, die in der Nähe arbeiteten, als Unterkunft dienten. Diese waren gebaut worden, als die Garnison in Nordgard nicht mehr gebraucht worden war, und hatten keinen Platz mehr in der Festung gefunden.
Stolz präsentierte Hervar ihnen die Kampfbahn für die Krieger und die Jäger. Diese war ein großes Oval, das von einem Erdwall umgeben war, in dem verschiedene Flächen für die Kampfübungen ausgewiesen waren. Nirvy sah einen weiten Sandplatz, Bereiche mit Zielscheiben für Bogenschützen, Strohpuppen und Holzpfähle. Sie konnte nicht anders, als zu lächeln. Schon konnte sie sich vorstellen, sich hier mit ihren Mitschülern zu messen. Auch in den Gesichtern vieler anderer Schüler sah sie die gleiche Vorfreude.
Sodann zeigte Hervar ihnen das Innere der Festung. Schmiede, Kornspeicher, Bäckerei, Zeughaus, Brunnen, Schneiderei – Nirvy befürchtete, Wochen zu brauchen, bis sie sich alles gemerkt hatte.
Schließlich betraten sie das große Hauptgebäude der Festung . Nirvy, die auf dem Dorf aufgewachsen war, hatte erst einmal in ihrem Leben derart große Gebäude gesehen. Damals war sie mit ihrem Vater nach Westhang gereist, der mächtigen Hauptstadt von Vesthris, um seine Familie zu besuchen. Das Gebäude war über fünfzehn Schritte breit und mit dem Bereich, in den der Turm eingebettet war, war es fast vierzig Schritte lang. Auf drei Etagen im Hauptgebäude, weitere drei im Turm und zwei Kellergeschosse verteilte sich eine Vielzahl von Räumen, die sie während der Führung nicht alle von innen gezeigt bekamen, um keine Zeit zu verschwenden.
Nirvy war beeindruckt. Sie hatte sich alles kleiner und enger vorgestellt. Doch als sie die Gesichter der anderen Schüler sah, konnte sie darin nicht das gleiche Erstaunen erkennen. Leise wandte sie sich an einen Jungen, der neben ihr lief.
»Findest du das alles nicht beeindruckend? Es ist alles so groß.«
Der Junge runzelte die Stirn. »Hast du Vátnfall nicht gesehen? Das ist eine Festung. Nordgard ist dagegen bloß ein Turm mit Mauer.«
Nirvy war ein wenig ernüchtert. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Vátnfall noch nicht gesehen. Trotzdem ist es nicht mit meinem Heimatdorf zu vergleichen.«
Schulterzuckend ging der Junge weiter und beachtete sie nicht weiter. Schweigend durchlief sie den letzten Teil der Führung.
Sie kamen jetzt wieder im Grundgeschoss an. Hier duftete es nach Essen und Nirvy wurde schlagartig bewusst, wie hungrig sie war. Mittlerweile war es später Nachmittag und sie hatte zuletzt morgens gegessen.
Hervar führte sie nun am Eingang vorbei zu einer großen Tür. Dahinter offenbarte sich eine geräumige Halle. Der Boden war mit Holz getäfelt und an den Wänden hingen Wandteppiche sowie die Banner des Nordens und des Westens. Drei lange Tische mit Bänken standen hier, und weiterhin zwei runde Tische mit Stühlen. Dort saßen zwei Frauen. Sie erhoben sich, als die Schüler hereinkamen.
»Dies ist das Herzstück von Nordgard«, erklärte Hervar und machte eine umfassende Geste in den Raum hinein. »Hier speisen Schüler und Lehrer gemeinsam, hier verbringen wir unsere Winterabende und hier lauschen wir der Musik und den Dichtungen unserer Schüler. In Kürze werdet ihr hier eure erste Mahlzeit einnehmen, ein Festmahl zur Feier eurer Ankunft. Doch zunächst bezieht ihr eure Quartiere.«
Damit wies er auf die beiden Frauen, die auf das Ende seiner Rede warteten.
»Die Mädchen folgen mir, bitte«, sagte die eine und ging voran.
Nirvy und acht weitere Mädchen folgten der Frau die nahe Wendeltreppe hinauf ins erste Obergeschoss. Direkt über der Halle öffnete sie eine Tür. Der Raum hier war ebenfalls groß, doch anders als die Halle wirkte er nicht so. Die Decke war niedriger und er enthielt viele Bettnischen, sodass er kleiner zu sein schien.
Alle Mädchen bekamen nun eine Bettnische zugeteilt und wurden angewiesen, dort ihre Sachen unterzubringen. Nirvy sah sich ihre Nische zunächst nicht an, sondern ging hinunter in den Hof, um ihre Kiste und den Beutel zu holen. Die Kiste war schwer; sie enthielt nicht nur Nirvys Habseligkeiten, sondern auch einiges, das sie vielleicht brauchen würde. Sie hinaufzutragen war mühsam, denn sie war schon immer klein und zierlich gewesen. Daran hatte auch die Ausbildung an der Waffe kaum etwas geändert und Avaron hatte bald aufgegeben, ihre Kraft vergrößern zu wollen. Stattdessen hatten sie sich darauf konzentriert, ihre Beweglichkeit zu verbessern.
Schließlich hatte sie es geschafft und nahm ihre Bettnische genauer in Augenschein. Es war ein schlichtes Bett mit einer Matratze, die mit Wolle gefüllt war. An den kurzen Seiten war das Bett von Holz eingefasst, an der langen Seite hing ein weißer Vorhang. Die steinerne Wand hatte ein kleines, schmales Fenster, das die Nische erhellte. Über dem Bett war ein stabiles Brett angebracht, auf dem Nirvy ihre Habseligkeiten unterbringen konnte. Dort stand bereits eine Kiste. Offenbar würde sie die Nische mit einem anderen Mädchen teilen. Ihr Herz machte einen kleinen Satz. Sie hatte befürchtet, allein schlafen zu müssen.

As’Saifs Gnade

Herr, reicht das nicht?« As’Saif trat an Vladr heran, der immer noch die Peitsche schwang. »Sie merkt doch schon längst nichts mehr.«
Das Mädchen hatte schon nach dem zweiten Schlag das Bewusstsein verloren. As’Saif hatte in seinem Leben schon viele schlimmere Auspeitschungen gesehen und die Kutscherpeitsche war sowieso nicht dafür gemacht, Schmerzen zu erzeugen. Aber das Mädchen hatte schon vor dem ersten Schlag ausgesehen, als ob sie gleich ohnmächtig werden würde.
Schnaubend wandte sich der Shor ab. »Zu dir komme ich gleich noch, As’Saif.«
Er warf die Peitsche weg und ging hinüber zu der Stelle, wo er sich seiner Kleidung entledigt hatte.
»Sammelt euch hier, Männer!«, rief As’Saif in seiner Muttersprache. Die Männer kamen alle zusammen. Ihre langen Gewänder waren schwer von dem Wasser, durch das sie bei der Verfolgung gestürmt waren. Auch As’Saif war nass, und er fror bitterlich in der kühlen Frühlingsluft. Es war ihm ein Rätsel, wieso das Mädchen trotz ihrer Nacktheit noch nicht erfroren war. Ihre Haut war immer wärmer als seine, selbst wenn sie nass war. Nie schien sie zu frieren.
»Es tut mir leid, Männer«, sagte As’Saif. »Ich habe als Bewacher versagt. Dank eurer schnellen Reaktion konnten wir diesen Fluchtversuch noch abwenden, doch unser Herr wird mich nicht ungestraft lassen. Ganz gleich, was die Strafe ist, verhaltet euch ruhig. Wir haben einen Auftrag, und der muss erfüllt werden. Sollte ich nicht mehr in der Lage sein, euch zu führen oder … tot, so führt euch Sadak weiter.«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, kam Vladr auch schon zurück. Er war jetzt wieder angezogen, nur seine Rüstung hatte er zurückgelassen. As’Saif kombinierte blitzschnell, was das zu bedeuten hatte. Vladr behielt sich damit eine weitere Wandlung in seine schreckliche Wolfsgestalt vor. Dass ausgewählte Krieger der Shor sich in Bestien verwandeln konnten, davon hatte As’Saif einmal gerüchteweise gehört. Nun wusste er, dass es wahr war und außerdem viel schlimmer, als die Gerüchte es erzählten. Vor über einer Woche hatte Vladr ihn verunsichert, als er gedroht hatte, notfalls alle seine Männer im Alleingang zu töten. Jetzt musste As’Saif zugeben, dass er das auch nicht mehr ganz so abwegig fand. Mit Spießen mochte man einem solchen Monster wohl noch beikommen können, aber eine unvorbereitete Truppe wäre dieser Bestie gegenüber vermutlich im Nachteil. Sie hatten auch Speere dabei, vier an der Zahl, gut verstaut im letzten Wagen. Unvorbereitet …
»Was war das eben?«, fragte Vladr. »Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass du sie unter Kontrolle hältst?«
»Ja, Herr«, murmelte der alte Krieger. »Doch sie ist wohl gerissener, als sie uns hat glauben lassen, und schneller, als ich jemals gedacht hätte.«
»Sie ist ja auch eine Kriegerschülerin!«, herrschte Vladr As’Saif an, der unter seinem zornigen Blick zusammenschrumpfte. »Gerissenheit wurde ihr in die Wiege gelegt! Ich habe euch beobachtet. Du hast dich von ihr manipulieren lassen! Von einem gefesselten, schwachen Kind!«
»Es wird sich nicht wiederholen«, versicherte As’Saif. »Bitte verzeiht mir dieses Mal mein Versagen und nehmt zur Kenntnis, dass meine Männer mit ihrer schnellen und guten Reaktion ihr Entkommen verhindert hätten. Selbst ohne Euer Einschreiten wäre sie nicht entkommen. Ich habe einige gute Jäger dabei, die man nicht einfach so abhängt.«
»Ist das so?«, fragte Vladr kalt. »Wer ist dein bester Jäger?«
As’Saif wies mit einer kleinen Verbeugung auf seinen zweiten Mann. »Sadak, Herr. Ein exzellenter Jäger.«
Vladr winkte Sadak herbei. »Glaubst du, du hättest sie gefangen?«, fragte er.
Sadak war ein professioneller Söldner. Ohne eine Miene zu verziehen, blickte er hinüber zu dem Mädchen und dann direkt in Vladrs Gesicht. »Zweifellos, ja«, sagte er. »Habe schon schwierigere Ziele erfolgreich gejagt.«
Vladr musterte ihn eine Weile. »Gut«, sagte er dann.
Nur einen Lidschlag später schoss Vladrs Hand nach oben. Mit Sadaks eigenem Messer schlitzte er dem Mann die Kehle auf. Sadaks Augen weiteten sich überrascht, während sein Blut sich in Strömen über Vladr und den Boden ergoss.
Vladr trat zurück und zog sein langes, nach vorn gekrümmtes Schwert.
As’Saif war genauso geschockt wie seine Männer. Sadak sackte in sich zusammen, während um ihn herum Schwerter blankgezogen wurden.
»Nein!«, rief As’Saif laut in der Sprache seiner Mutter und trat mitten in den Tumult seiner Männer. »Steckt die Waffen weg!«
»Warum?«, schrie Ahal aufgebracht. »Er hat Sadak gemordet!«
»Ja, wir müssen ihn rächen!«, rief Murat.
»Er ist unser Herr!«, rief As’Saif. »Er ist unser Gesetz.« Und ein schreckliches Ungeheuer, das mindestens die Hälfte von uns töten wird, wenn wir ihn jetzt direkt angreifen, fügte er in Gedanken hinzu.
»Hat dir Sadak denn nichts bedeutet?«, rief Ahal anklagend.
»Natürlich hat er das!«, entgegnete As’Saif heftig. »Deswegen müsst ihr einhalten! Ihr werdet nur enden wie Sadak!«
»Das glaube ich kaum«, sagte Murat. »Wir werden diesen Köter aufspießen, häuten und verbrennen.«
»Seid ihr blind?«, brüllte As’Saif. »Ihr werdet als Krähenfutter enden. Vergesst nicht unseren Vertrag! Wir garantieren Vladr unseren Schutz! Kein Dhash wird angeheuert, wenn der letzte Auftraggeber nicht sicher zurückkehrt!«
Einige seiner Männer zögerten mittlerweile, nur noch wenige schienen so aufgebracht, dass sie es tatsächlich auf einen Kampf ankommen lassen würden.
»Du zeigst mir später den Vertrag«, sagte Murat. »Sehe ich dort auch nur eine Lücke, töten wir diese Missgeburt auf der Stelle. Ansonsten tue ich es, sobald der Vertrag ausläuft.«
»Das werde ich«, versprach As’Saif und hoffte, damit einen Kampf zunächst abgewendet zu haben. »Was nach dem Ende des Vertrags sein mag, ist natürlich euch überlassen.«
Noch immer vor Wut kochend steckte Murat sein Schwert zurück, etwas zögerlich tat auch Ahal es ihm gleich und schließlich auch die anderen Männer. Mehr als einer spuckte vor As’Saif auf den Boden. Er ließ es ihnen durchgehen, auch wenn er schon Söldner wegen weniger Ungehorsam gehängt hatte. Er selbst war auch aufgebracht, denn um ein Haar hätte er selbst die Waffe gegen seinen Auftraggeber erhoben – ein Gedanke, der ihm seit Jahrzehnten als Dhash noch nie durch den Kopf geschossen war.
Vladr hatte immer noch sein Schwert angriffsbereit gezogen. Er senkte es erst, als alle Söldner sich wieder in Bewegung setzten. As’Saif wusste nicht, ob Vladr seine Sprache verstand, doch selbst wenn nicht, es war offensichtlich, worüber sie gestritten hatten.
»Dein Pflichtgefühl ist bemerkenswert, As’Saif«, sagte er. »Sei genauso pflichtbewusst bei der Bewachung der Gefangenen und so etwas muss sich nicht wiederholen.«
Er deutete auf das bewusstlose Mädchen. »Kein Essen für sie, für mindestens sieben Tage. Danach entscheide ich, ob sie geschwächt genug ist, dass sie nicht mehr fliehen kann. Sollte ich dich erwischen, wie du ihr doch etwas zusteckst, stecke ich dem Jüngsten deiner Männer ein Schwert zu, und zwar durch den Mund.«
Immer noch vor Anspannung zitternd wandte sich As’Saif dem Mädchen zu. Wo die Peitsche sie besonders heftig getroffen hatte, war ihre Haut aufgeplatzt, und Blut lief an ihr herunter. An vielen anderen Stellen waren es jedoch nur dicke rote Striemen. Offensichtlich hatte sie sich erbrochen, nachdem sie bewusstlos geworden war. As’Saif seufzte. Mit ein bisschen Glück war sie bereits an ihrem Erbrochenen erstickt. Mit einem Eimer ging er zum Bach, füllte ihn und schüttete etwas davon über das Mädchen. Dann beobachtete er ihre Brust. Er wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte, als er sah, wie sie sich hob und das Mädchen einatmete. Wenn sie jetzt gestorben wäre, nachdem Vladr sie ausgepeitscht hatte, wäre As’Saif ohne Strafe davongekommen.
Da kam ihm eine Idee. Nervös sah er sich um. Vladr war nicht zu sehen. Mit der rechten Hand fasste er an den Eimer und tat so, als würde er für sie noch ein wenig Wasser schöpfen. Dann hob er die linke Hand und hielt dem Mädchen damit Mund und Nase zu. Es war eine Gnade. Was Vladr mit ihr anstellen würde, wenn er mit ihr allein war, mochte As’Saif sich gar nicht vorstellen. Er zählte still nach oben. Er hatte bisher noch nie eine Frau getötet, geschweige denn ein Mädchen. Auch hatte er es noch nie so sanft getan. Als er bis sechzig gezählt hatte, wölbte sich ihr Bauch heftig und die Brust zog sich zusammen beim Versuch, schnappend einzuatmen. As’Saif hatte das schon mehrmals gesehen bei Menschen, die an ihrem eigenen Blut erstickt waren, allerdings niemals so geräuschlos wie hier bei ihr. Bei siebenundsechzig zuckte sie erneut und auch bei zweiundsiebzig.
»Gleich hast du es geschafft«, murmelte er.